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Gedanken zum Semesterstart

Es ist wieder einmal soweit: Horden mehr oder weniger lerneifriger Menschen stürmen unschuldige Hörsäle und Nahrungsmittelversorgungspunkte. Mit anderen Worten: das Semester an der Uni hat begonnen.
Auch ich habe mich ins Gewühl gestürzt und das „Wunder Semesteranfang“ einmal mehr über mich ergehen lassen. „Neues Spiel, neues Glück“, wie der Volksmund sagt. „Alte Kurse mit alten Bekannten“, wie der (Latein-)Student sagt. Ich stelle dieser Tage fest, dass einige Kurse eine irgendwie unbestreitbar buddhistische Note haben. Man hat einfach das Gefühl (oder die Gewissheit, je nach Semesterzahl), das alles irgendwie schonmal erlebt zu haben. Auch die Kommentare auf den Vorlesungsmitschriften einiger Kommilitonen sprechen Bände. „Schon wieder“ oder „diesmal zumindest ernst zu nehmender Versuch“ sind nur zwei Beispiele aus den zu Papier gebrachten Gedankenfetzen meiner Mitstudierenden. Herrlich – es ist immer wieder schön zu sehen, dass ich nicht das einzige verzweiflungsgetriebene Individuum bin.

Das neue Semester hat auch einige Neuerungen mit sich gebracht; und damit meine ich nicht nur die Tatsache, dass es – o Wunder – endlich wieder frisch gefüllte Handtuchspender auf den Toiletten gibt. Nein, viel weitreichendere Entwicklungen haben ihre Schatten auf unsere beschauliche Universität geworfen. Diese Neuerungen lassen sich in sage und schreibe vier Buchstaben zusammenfassen: V S P L.

Was sich hinter dieser kryptischen Abkürzung verbirgt, entzieht sich der Kenntnis der meisten, abzuüglich derer, die eingeweiht sind. Allerdings kenne ich keinen von diesen Eingeweihten. Vielleicht steht „VSPL“ ja für so etwas wie „Verwirrender, sehr planloser Lösungsansatz“ oder „Verzweifelte Systemadministratoren pflügen die Landschaft“? Die Praxis mit diesem System legt dies zumindest nahe. Theoretisch ist VSPL keine schlechte Sache – theoretisch funktioniert das alles wunderbar – aber das Gleiche gilt auch für den Kommunismus.

Sinn des Systems ist (angeblich), dass man sich online für seine Kurse eintragen kann, seine Scheine auch virtuell bekommt und dergleichen mehr. Nette Gimmicks wie ein Kalender für Geburtstage, ein Mondkalender (wofür?) oder dergleichen sind auch mit dabei. Allerdings besteht, wie oben bereits erwähnt, eine gewisse Diskrepanz zur schillernden Phantasiewelt der Entwickler und der Alltagspraxis.
Das beginnt bereits mit der erforderlichen Hardware, mit der jeder Student ausgerüstet ist. Diese Hardware verbirgt sich im Studentenausweis und ist ein kleiner Chip, der es beim Einschieben in ein VSPL-Terminal ermöglichen soll, auf seine Daten zuzugreifen.
So weit, so gut.
Fakt ist allerdings, dass die Dinger nur Stress machen – ich persönlich durfte innerhalb des letzten Vierteljahres zweimal meine Karte ersetzen lassen – beim ersten mal ist der Streifen abgeblättert, auf dem der Ticketaufdruck, der mich zur freien Fahrt innerhalb des mir zugemuteten Verkehrsverbundes berechtigt. Beim zweiten mal, als ich mich schliesslich dem Kampf gegen das Monster VSPL stellen wollte, weil der Chip sich aus irgendeinem Grunde weigerte, seine Informationen an das Terminal weiter zu leiten.

Manch einer ist schon, seelisch auf stundenlanges Warten am Sekretariat eingestellt und mit einem ausreichenden Vorrat an koffeinhaltigem Heissgetränk (bei Bedarf auch vor Ort zu erwerben) aufgeschlagen, um den Missstand zu beheben. Allerdings – die Entbürokratisierung der deutschen Verwaltung schreitet ja mit Riesenschritten voran – kommt dann ab und an ein kleines Männlein hervor und fragt laut in die Runde, wer denn noch Probleme mit der Chipkarte hätte. Sinn und Ziel der Übung ist es, die Warteschlagen kurz zu halten und schnell und unbürokratisch Hilfestellung in Sachen Chips zu leisten. Die Betreffenden werden dann einfach durch eine Seitentür in die geheiligten Hallen des Sekretariats gelotst, wo sie dann binnen Minuten eine neue Karte erhalten. Guter Ansatz, jedoch melden sich dummerweise oft bis zu zwei Dritteln der Anwesenden - das eigentliche Problem wird dadurch nur örtlich verlagert, da alle nun ins Sekretariat strömen und dort wiederum eine Schlange bilden.

Aber damit nicht genug: hat man es dann wider Erwarten doch irgendwann geschafft, sich nach stundenlangem Harren in Erwartung eines freien Terminals anzumelden und am richtigen Raum zur richtigen Zeit aufzutauchen, dann kann sich ein weiteres Hindernis auftun: man hat zwar laut dem allmächtigen VSPL den Status „Teilnehmer“ - allerdings sind elektronische Speichermedien ebenso geduldig wie Papier. Sprich: eine Anmeldung im VSPL garantiert noch keinen Platz auf der (übrigens auch von VSPL generierten) Teilnehmerliste. Nunja...Wäre die Apparatur, die für die Datenhaltung zuständig ist, mit Händen ausgestattet, so könnte man durchaus auf den Gedanken kommen, dass hier Würfel im Spiel sind. Der Dozent an sich in in dieser Situation ziemlich chancenfrei, wenn es darum geht, im computergenerierten Chaos den Überblick zu behalten, wer denn nun angemeldet ist und wer nicht. Wer also an einen bestimmten Kurs teilnehmen will, der gehe einfach zu dem entsprechenden Dozenten, klage sein Leid mit und über VSPL, erntet ein Nicken, gepaart mit einem verständnisvollen Blick und ist somit auch ohne EDV (= „Ende der Vernunft“ ) in die Bruderschaft der Teilnehmer/innen aufgenommen. Hat bei mir bis jetzt immer funktioniert. Fazit: nach einigen erfolglosen Startversuchen funktioniert VSPL nun doch nicht. Aber seis drum – auch wenn ich manchmal in einem Anflug von Nostalgie die Tage des Papiers zurücksehne.

Es gibt ja schliesslich noch mehr Spannendes zu sehen während der ersten Vorlesungswoche an der Uni. Manchmal stelle mir ich angesichts einer Schlange bis zum Ende des Ganges die Frage, was wohl einfacher ist: in einer Dozentensprechstunde innerhalb des nächsten Vierteljahres einen Termin oder in der Cafeteria einen Kaffee zu bekommen. Die Schlangen vor dem Copyshop sind immer noch die gleichen.

Auch gleicht der olfaktorische Charme einer bestimmten Sanitäreinrichtung immer noch dem einer mittelalterlichen Kleinstadt. Nur, dass es im Mittelalter noch keine Gasmasken gab. Ebensowenig wie in besagter Sanitäreinrichtung. Wer auch immer bei einem bekannten deutschen Radiosender auf den Slogan „Schönes bleibt“ gekommen ist, kannte wohl nicht die Keramikabteilungen in Gebäude GB 02 Nord....denn die sind schon eine ganze Weile so.

In diesem Sinne:

Gute Nacht, wo immer Ihr auch sein mögt....

1 Kommentar 27.10.06 09:39, kommentieren