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„Das Haus, das Verrückte macht“ oder: Ämterlaufbahn, mal anders

Es ist allgemeiner Konsens, dass die Wirren der deutschen Bürokratie zuweilen seltsame Blüten treiben. Bekannt ist auch (zumindest unter denjenigen, die öfter mit mir zu tun haben), dass es eine ganze Weile dauert, bis mir etwas wirklich auf den Wecker geht.

Aber – gepriesen sei das Arbeitsamt! - ist es nun soweit. Meine liebe Freundin, Kathrin mit Namen, hat ein Problem. Unter Anderem mit dem Arbeitsamt. Und diversen anderen Ämtern. Nun ist der gedankliche Sprung von „Amt“ zu „Problem“ kein besonders großer. Wer bestimmte Probleme hat, wendet sich an ein bestimmtes Amt. Und wer eigentlich kein Problem hat, für den hat das zuständige Amt bestimmt eines parat.

Doch beginnen wir von vorn. Kathrin hat ein Problem. Sie musste von zuhause, aus dem Hause ihrer Eltern, ausziehen. Da sich das Ganze relativ kurzfristig ergeben hatte, war schnelles Handeln gefragt. Also erst einmal in ihrem Bekanntenkreis herumtelefoniert und nach einer vorübergehende Bleibe gesucht. Gefunden war eine solche recht schnell und auch der „Umzug“ gestaltete sich erfreulich problemlos.
Nun ist aber die Natur einer vorübergehenden Unterkunft eben, dass sie vorübergehend ist. Also ab zum zuständigen Amt, um eine dauerhafte Bleibe, sprich: eine Wohnung zu bekommen. Erstaunlicherweise hatte man auch sehr schnell einen Besichtigungstermin für eine Wohnung. Diese wurde für gut befunden, ein Mietangebot wurde erstellt – nun sollte man eigentlich meinen, dass alles seinen Gang gehen könnte. Aber wir wären ja nicht in Deutschland, wenn alles sofort glatt ginge. Wir haben ja noch ein anderes Eisen im Feuer: den ALG 2 - Antrag sowie eine Kindergeldangelegenheit.
Und just am gestrigen Tage kam die neueste Absurdität: ein fester Wohnsitz ist Bedingung für das Antreten berufsvorbereitender Maßnahmen, die bekannterweise durch die ALG 2 – Verordnung vorgeschrieben sind. Okay soweit. Aber: da ja de facto momentan kein fester Wohnsitz vorhanden sei, solle meine Freundin sich nun obdachlos melden und in ein Heim ziehen. Dabei ist es ja nicht so, dass ihr die Zustände in Heimen nicht vertraut wären. Soviel also dazu. Ich würde es an ihrer Stelle wohl auch vorziehen, zunächt bei Freunden unterzukommen.

Was die Sache so absurd macht: eine dieser besagte berufsvorbereitenden Maßnahmen sollte in allernächster Zeit stattfinden. Das einzige „Problem“ besteht darin, dass zwischen dem Beginn der Maßnahme und dem frühestmöglichen Einzugstermin für die Wohnung unglaubliche zehn Tage liegen.
Zehn Tage – dieser Zeitraum passt natürlich dem Beamten an sich überhaupt nicht. Er denkt augenscheinlich nur von Woche zu Woche oder von Monat zu Monat. Manchmal, aber scheinbar immer öfter, auch nur von 12 bis Mittag. Was der gute Mann wohl auch nicht auf dem Schirm hatte, ist die Tatsache, dass die Fahrten von Bochum, wo meine Holde öfters auch des Nachts weilt, nach Essen mit gewissen Kosten verbunden sind. Diese lassen sich auch nicht in Form von Mengenrabetten reduzieren. Wer nämlich schon mit dem einen oder anderen Amt in irgendeiner Form zu tun hatte, wird wissen, dass seltenst alles mit einem Gang zu erledigen ist. In diesem Zusammenhang kommen manch einem sicher Sätze wie „Da fehlt noch das Formblatt XY“ oder „das weiss nur der Kollege X, und der ist gerade im Urlaub, kommen sie doch nächste Woche nochmal vorbei“ oder Ähnliches ein. Es fallen also wöchentlich mehrere Fahrten an, die sich in ihren Kosten natürlich akkumulieren. Aber, bequem wie der deutsche Beamte nun mal ist, interessiert ihn das nicht die Bohne. Meine Wenigkeit als Kathrins Freund könnte ja wohl auch mal helfend eingreifen. Dass ich nicht lache. Nicht, dass ich das nicht tun würde. Ich tue es sogar gerne. Aber offensichtlich hat der Gute noch nie einen Blick auf das Konto oder in den Geldbeutel eines Studenten geworfen. Allein diese Aussage des Beamten weckt in mir den Wunsch nach ausgedehnten baulichen Veränderungen in gewissen Amtsstuben.

Um das Ganze abzurunden – denn der Herr Beamte sitzt ja auf der 'sicheren' Seite seines Schreibtisches – kam dann noch die Aussage, die ich für quasi programmatisch halte im Bezug auf das ganze Beamtentum: „Es hat doch bis jetzt auch so geklappt- also können sie auch noch warten.“ Sprich: man sitze das Problem einfach aus, getreu dem Motto „Manches erledigt sich durch Liegenlassen“.

Mir kommt dabei der Titel des Buches in den Sinn, welches unser verehrter Bundespräsident Horst Köhler dereinst verfasste: „Offen will ich sein und notfalls unbequem“. Warum mir ausgerechnet dieser Titel in den Sinn kommt? Nun – daß bestimmte südlich gelegene Teile der Anatomie des prototypischen Beamten zuweilen ziemlich offen sind, sollte hinreichend bekannt sein. Daß das unbequem ist, so vom reinen Körpergefühl her, sollte mithin auch einleuchten. Allerdings scheint das den Beamten nicht zu stören. Oder er ignoriert es – und will das Problem aussitzen, so wie er es gelernt hat.

 

In diesem Sinne:
Macht kaputt, was Euch kaputt macht!

2 Kommentare 4.11.06 13:44, kommentieren